„Wir brauchen keine Stadtbild-Debatte, wir brauchen Schulbücher!“ - Religionslehrkräfte tagten zu Antisemitismus und Rassismus
Wie kann man im Unterricht auf antisemitische, muslimfeindliche oder rassistische Äußerungen reagieren? Wie erkennt man rassistische Tendenzen? Evangelische und katholische Religionslehrkräfte an weiterführenden Schulen aus dem Saarland und Rheinland-Pfalz haben sich über diese Fragen auf ihrer ökumenischen Jahrestagung in der Europäischen Akademie Otzenhausen ausgetauscht.
Im Mittelpunkt des ersten Tages stand der Hauptvortrag von Prof. Dr. Karim Fereidooni, Rassismusforscher von der Ruhr-Universität Bochum. Fereidooni, anerkannter Experte für Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus begann seine Ausführungen mit einer Ernüchterung. „Verabschieden Sie sich von Bildungsstand und Einkommen als relevante Größen bei Rassismus“, teilte er den knapp 80 teilnehmenden Religionslehrkräften mit. Weder das eine noch das andere schütze vor Beeinflussung. Unterschiede gebe es gleichwohl in der Ausformung des Rassismus. In jüngerer Zeit habe sich etwa ein „Kulturrassismus“ entwickelt, der schwieriger zu erkennen sei, weil das Wort „Rasse“ vermieden würde. „Man will nicht ‚Rasse‘ sagen, also spricht man von ‚kulturellen Unterschieden‘“, führte Fereidooni aus.
Auch mit Religion hätten Rassismus und Antisemitismus heutzutage kaum mehr zu tun. Letztendlich gehe es vor allem um Äußerlichkeiten, aufgrund der Hautfarbe würden die Menschen eingeordnet, nach dem Prinzip nämlich „je heller die Hautfarbe, umso angenehmer“. Das belegten nicht nur unterschiedlichste Erhebungen, sondern auch Erfahrungsberichte. „Mit Leistung kommen sie nur bis an einen bestimmten Punkt, danach zählen andere Dinge“, so Fereidooni, beispielsweise in der Frage, wer im Zweifel einen Job bekomme. Oder, bezogen auf den Unterricht mache es nachweislich einen Unterschied in der Bewertung, ob „ein Diktat von Murat anstelle von Max geschrieben wurde“. Was in Studien an Schulen auch immer wieder auffällt: Bemerkungen oder stereotype Begriffe, die im Unterricht fallen, aber nicht weiter thematisiert werden, obwohl sie kritisch aufgearbeitet werden müssten.
Wie kann auf diese Probleme im schulischen Kontext reagiert werden? Fereidooni sieht da mehrere Ansätze: Dringenden Bedarf gebe es bei der Überarbeitung der Lehrmittel. Im Rahmen eines Forschungsprojekts hätten er und seine Kollegen selbst in Schulbüchern, die erst vor kurzem auf dem Markt gekommen sind, Darstellungen gefunden, die Ressentiments begünstigten und eine sachliche Diskussion im Unterricht erschwerten. „Wir brauchen keine Stadtbild-Debatte, wir brauchen Schulbücher!“, forderte Fereidooni.
Auch die Lehramtsausbildung bedürfe dringend einer Novelle. Da gebe es „große Lücken“ in Bezug auf Antisemitismus und Rassismus, so Fereidooni. Die kritische Selbstreflexion der Lehrkräfte gehe einer Bewusstseinsbildung der Schülerinnen und Schüler voraus. Daher sollte die Auseinandersetzung damit für alle Lehramtskandidaten verpflichtend in der Ausbildung verankert werden. Gleiches gelte für die sog. „Holocaust-Education“. Und schließlich gehe es schlicht darum, mit den vermeintlich Anderen ins Gespräch zu kommen. „Je mehr Kontakt Sie haben, desto eher geben Sie Ihre Vorurteile auf“, betonte Fereidooni. Wichtig sei daher auch, die Empathiefähigkeit zu stärken.
Ein Grundstein für diesen Austausch wurde mit der interreligiös besetzten Tagung in Otzenhausen gelegt. Es sei „ermutigend, dass Lehrkräfte verschiedener Konfessionen und Religionen sich gemeinsam Gedanken machen, wie die Zukunft gestaltet werden kann“, sagte Kerstin Schmitz-Stuhlträger, Leiterin der Abteilung „Schule und Religionsunterricht“ des Bistums Trier, das die bereits dritte ökumenische Tagung zusammen mit den Evangelischen Kirchen im Rheinland und der Pfalz sowie den regionalen Religionslehrerverbänden ausrichtete. Ziel sei perspektivisch ein „gemeinsames Handeln auf neuen Wegen des interreligiösen Dialogs“, so Schmitz-Stuhlträger.
Im weiteren Verlauf der Tagung konnten sich die Teilnehmenden in Workshops mit Vertretern der Synagogengemeinde Saar, der Aleviten und des Adolf-Bender-Zentrums über Erfahrungen und Chancen austauschen, wie beispielsweise interreligiöser Dialog in den Unterricht integriert werden kann.



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